Aphorismen contra Algorithmen

von Albert Klütsch
„…Wenn dann in der Kommerzialität unterm Weihnachtsbaum die Weihnachtsgeschichte vergessen wird und kein „O du fröhliche..“ mehr im Familienkreis erklingt, weil die Kinder lieber in die Disko, die anderen noch zur Arbeit gehen, dann hat Weihnachten sein Geheimnis verloren.

Uns zieht es alsdann in den Kreis einer grossen Familie, in der die festliche Geborgenheit, in der das Geheimnis der Weihnacht in Gesang und Lesung erlebbar ist – wir grüssen alle, die uns übers Jahr verblieben sind…“ – so endete unser Jahresbericht 2024 mit dem Gruß an „alle, die uns übers Jahr verblieben sind.“ Es waren nicht mehr viele, die reagiert haben auf die Lebenszeichen – um ehrlich zu sein: es werden immer weniger. Die Sprachlosigkeit macht uns arm; wir werden deshalb auf diese Art personaler Kommunikation verzichten und die Jahresberichte unserem Archiv beifügen.

Und da, wo unser Lebensjahr beginnt, endet das Leben von Elke, die mit Jochen und ihrer Tochter unsere Nachbarn in der Schulstrasse bis 1985 waren. Am nächsten Tag verabschieden wir uns auch von Milan Sladek, jenem passionierten slowakischen Pantomimen, der noch im Oktober 2024 unser Gast war. Als Gast trägt uns Heinz, der unterhaltsame Schweizer, mit der „Kong Harald“ auf den Hurtigruten in die Polarlichter des Nordens. Janosch brilliert als Max Brod in einer „Kafka“-Biografie. Ich verschreibe mich einer wöchentlichen VHS-Gymnastik in der Keldenicher Turnhalle, ehe sich Gisela mit Claudia auf den kühl-kalten Opernball nach Dresden absetzen und ich mit Unga die Bamberger Symphoniker in der Kölner Philharmonie erlebe. Unga geniesst Kostüm und Kostümsitzung der KG Postillione in der Kronenbuschhalle, nachdem sie die Münstereifeler Stadtmauern einmal umlaufen hat. Ihre Sehnsucht zu tanzen befriedet sie im Depot bei der Tanzperformance „C’est la vie“, ehe uns der Zug nach München-Aubing zu einem bewegenden Abschied von Dieter fährt, der – bereits im Dezember verstorben – als einziger in meinem Leben aus einer DDR-Erfahrung auftaucht.

Im Bemühen, meinem Hirn noch ein wenig zuzumuten, verdinge ich mich im VHS-Französisch-Kurs. Als weitere Zumutung erweist sich die BSW-Wahl, die nurmehr 9.500 Stimmen ermangelt, um mit 5 % in den neuen Bundestag einzuziehen, und erfolglos auf eine Nachzählung drängt, die uns den CDU Kanzler Friedrich Merz – im zweiten Wahlgang – wohl erspart hätte. „Was Ihr Wollt“ – ist die Antwort des Teaters auf das politische Teater, das allenfalls Anlass zu mehr Protest bietet, weil „wir uns diesen Sozialstaat nicht mehr leisten können“ (Merz) und die SPD fröhlich mitwirkt, den Armen noch mehr Armut zuzumuten durch Aufgabe des „Bürgergelds“ im Wechsel zur „Grundsicherung“ mit verschärften Sanktionen (Bas). „Frieden“ und „Soziale Gerechtigkeit“ sind Fremdworte im Koalitionsvertrag. Keine Sorge – die Politbanausen, die uns bereits in jungen Jahren das Ranking in den PISA-Studien versaut haben, sind nun halt in Amt und Würden.

In der Volksbühne erzählt Gerd Köster die Geschichte des Karnevalisten Karl Küpper unter den Bedingungen der NS-Herrschaft, während im Staatenhaus sich Mozart mit seiner Oper „Don Giovanni“ zum Applaus quält. Die DIG – „Deutsch-Indonesische Gesellschaft“ – feiert sich und ihr 75.jähriges Bestehen in der Galerie Smend in einer Mitgliederversammlung, die erstmals hybrid ausgetragen wird, indem einzelne Mitglieder über Zoom aktiv der präsenten Versammlung beigeschaltet werden. Derweil erwarten mich in Landsberg Moni, meine älteste Schulfreundin, Friedel und Dorothea, die von Obermenzing mit dem Fahrrad nach Landsberg gekommen sind , sowie Petra, die immer noch schwarzhaarige Jugendliebe, zu einem weidlichen Frühstück am Mutterturm. Bestückt mit den lebendigen Erinnerungen entdecke ich den Winter im Zillertal mit seinem BwSw-„Alpenschlöss’chen“ in Bad Mayrhofen, die Gletscher von Hinterglemm in Sicht.

Im Frühjahr schaut sich Prof. Schmidt in der ATOS-Klinik noch mal meine schmerzende rechte Hüfte an, ehe Karin Leukefeld uns in der Lutherkirche die laufenden Tesen über den Nahen Osten aufmischt. Im April erfährt Gisela vom plötzlichen Tod ihres Mannes Wolfgang, dem sie bis zu seinem Tod freundschaftlich verbunden war.

Prof. Korte gibt den alten Landtagskollegen in Düsseldorf seine Sicht auf das politische Programm der schwarz-roten Koalition in Berlin. Der schwarze Anzug wird einmal mehr gebügelt, um Willi, den Alt-Bürgermeister in Brühl, zu Grabe zu tragen. Den Schmerz über den Verlust eines weiteren guten Freundes tragen wir in die Semana Santa nach Sevilla, wo uns die zahlreichen Prozessionen der Bruderschaften Tag und Nacht ebenso in Bann schlagen wie die gelebte Frömmigkeit der Anda-lusier; die spanische Lebensart, Gesang und Tanz, nimmt uns 10 Tage gefangen. In Bonn begeistert uns einmal mehr der Circus Roncalli mit erlesenem akrobatischen und clownesken Programm, das mir die Ästhetik des menschlichen Körpers spielerisch vermittelt. Karl und Lena halten am Maifeiertag Hof auf ihrem nun ständigen Landsitz in Ahrweiler. Das Phoenix-Theater bietet Agatha Christie mit „Der Tod wartet“ im Rhein-Forum, wo wir vor 20 Jahren mit der „Mausefalle“ angefangen haben. Das Bauturm-Theater verkümmert derweil in seinem Angebot von Ein-Mann/ Frau-Teater: 90 Minuten „Me too“-Plädoyer in „Prima facie“, während die Ruhrfestspiele mit Matthias Brandt auf „Godot“ und mit „Laios“ auf den mythischen König von Theben warten.

Meine sportliche Karriere wird im „Senioren-Team“ auf dem e-Bike befördert, mit dem ich 180 km zum jährlichen „Stadtradeln“ beisteuere. Halle an der Saale weckt meine Begeisterung mit seinen Museen, Schlössern und dem Erbe Friedrich Händels. Während mich das Schlosshotel in Schkopau aus unerfindlichen Gründen nach einer Nacht ausquartiert, finde ich gastliche Aufnahme bei Unga, die die Wochenenden bei ihrem Freund Ilias in Leipzig zubringt. In Wuppertal wartet die Uni mit der museal eingerichteten Bibliothek von Johannes Rau, in Düsseldorf die Kunsthalle mit einer prachtvollen „Chagall“-Ausstellung, die Gelegenheit gibt, in Münster mit Heinz im Picasso-Museum eine Parallelausstellung „Chagall“ mit seinen Sketchen und Skizzen zu besuchen. Willi sattelt das Fahrrad, mit dem wir uns an Christi Himmelfahrt wieder zur „Gymnicher Ritt“ – einem alten Ritterversprechen aus dem ersten Kreuzzug folgend – begeben, wo Erzbischof Rainer Maria Woelke von den Pilgern mit Schweigen bedacht wird, weil er gerade für seine gerichtliche Falschaussage in einem priesterlichen Missbrauchsprozess ein schmieriges Bussgeld zu zahlen hat.

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